"...und warum benutzt Du nicht einfach → das Handy?"

Da sind wir also. Von unserem Ersparten haben wir uns eine professionelle Spiegelreflex-Kamera gekauft...ähm, nein: das ist nicht der gleiche Thread wie der ein Stückchen weiter unten. Wieder einmal nicht!
Ich habe mir jedoch tatsächlich von meinem Ersparten eine DSLR gekauft. Das ist nun vier Jahre her. Mein Ansprüche sind gewachsen. Mein Interesse an der Fotografie auch. Dementsprechend sammelt sich einiges an Equipment an. Die Kapazität meines Slingbags ist ausgeschöpft. Eine größere Tasche fast nun das zusammen, was brauche - oder zu brauchen glaube. Denn wer weiß, ob ich jemals auf eine Graukarte, oder einen Pol-Filter angewiesen sein werde. Dennoch macht es mir Freude, daß ich mit dieser Zusatzausstattung experimentieren kann. Und geht es nicht eigentlich darum? Zu probieren, zu erforschen, seinen Stil zu finden? Oder kurz gesagt: Spaß an seinem Hobby zu haben? Doch! Genau darum geht es. Es geht nicht darum, andere zu beeindrucken. Nicht darum, Likes zu sammeln. Auch, wenn es natüüüürlich schön ist, von anderen für seine Werke gelobt zu werden.

Doch warum überhaupt dieser Aufwand? Jedes noch so einfache Smartphone hat eine Kamera. Und die sind sicherlich nicht schlecht. Es gibt genug Beispiele dafür. Bei den Online-Parkplätzen für Fotos gibt es genug Bilder, die nicht mit einem "richtigen" Fotoapparat gemacht worden sind. Wenn man diesem Artikel über flickr Glauben schenken darf, dann hat Mitte 2024 das iPhone andere Kamerasysteme als Aufnahmewerkzeug bei weitem überholt. Das ist auch kein Wunder. Das Handy hat man griffbereit, und immer dabei. Es ist sofort einsatzfähig, braucht wenig Platz, und macht trotzdem erstaunlich gute Fotos. Das hat Folgen. Das Internet wird mit Bildern geflutet. Laut diesem Bericht vom Juni werden täglich ca. 5,3 Milliarden Fotos aufgenommen und im Internet verbreitet. Eine unglaubliche Menge. Unvorstellbar!

Es wäre einfacher, mit dem Smartphone seine Foto-Ideen umzusetzen, oder? Warum sich zusätzlich eine Kamera kaufen? Vor dem Kauf meiner Spiegelreflexkamera hatte ich nicht das Verlangen danach Fotos aufzunehmen. Klar schießt man täglich Bilder mit dem Smartie. Wenn man etwas abfotografiert, um es sich nicht merken zu müssen. Oder, um einen schnellen Schnappschuß von Freunden zu machen. Mit einem Handy zu fotografieren ist ideal für so etwas. Wenn es jedoch darum geht ein Bild aufzunehmen, daß mich künstlerisch, oder emotional anspricht, ist dieses Gerät nicht das Mittel der Wahl für mich. Warum ist das so?

Gerade mit einer Spiegelreflexkamera zu fotografieren ist ein sinnlicher Vorgang. Schon alleine das Klicken des Shutters erfreut mein Herz. Ein Geräusch, daß mich bisher davon abhält, eine spiegellose Kamera kaufen - auch, wenn diese eben aus o. g. Grund unauffällig, und deswegen ideal für die Streetphotography wäre. Vielleicht reizt mich auch die Herausforderung, die das Fotografieren mit einer semi-professionellen Kamera an mich stellt. Es brauchte einige Zeit, bis ich mich mit dem Belichtungsdreieck, der Blendeneinstellung, den Menüs der Kamera, und dem Weißabgleich auseinander gesetzt habe. Ich mußte mir dieses Wissen erarbeiten. Doch es war keine Bürde für mich. Mein Interesse daran, die Zusammenhänge zu begreifen, und mein neu erworbenes Wissen in meine Fotos einfließen zu lassen, hat es mir leicht gemacht, dieses Hobby zu starten. Es gibt immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Die Herausforderungen nehmen auch jetzt, nach einigen Jahren, nicht ab.

Und mit dem Smartphone? Damit kann fast jeder Fotos kreieren, und im Handumdrehen dank integrierten Verschönerungs-Tools nach seinen Wünschen anpassen. Die Werkzeuge sind intuitiv bedienbar, und erfordern in der Regel kein spezielles Wissen. Fotografie dagegen ist ein Handwerk, daß es zu erlernen gilt.
Um jedoch Fotos mit einem Handy aufzunehmen, braucht es keinen Fotografen. Also eine Person, die sich gegebenenfalls mit anderen auseinandersetzen muß, falls diese Teil des Motivs sind. Oftmals findet keine Interaktion mit anderen statt. Denn wer mit einem Handy in einer Menschenmenge fotografiert, ist unsichtbar. Bei meinen Aufnahmen in der Öffentlichkeit werde ich angesprochen. Nicht immer, aber ab und zu. Man wird gesehen. Das Fotografieren mit einer Kamera wird wahrgenommen, und man kommt dadurch in Gespräche, die man beim fotografieren mit dem Smartphone vermutlich nicht führen würde. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum die Fotografie mit dem Smartphone immer etablierter wird? Wir alle kennen das neuzeitliche Phänomen der Sprachlosigkeit im zwischenmenschlichen Kontakt.

Was immer auch der Grund ist: Ich liebe es, mit der schweren, griffigen Kamera in der Hand durch bekanntes, oder unbekanntes Terrain zu wandern. Immer auf der Suche nach einem außergewöhnlichen Motiv, daß ich nach meinen Vorstellungen ablichten kann. Und auch die Gespräche, die man auf diese Weise mit vorher unbekannten Menschen führen kann. Ich erfreue mich daran, die gesammelten Bilder später am Rechner zu sichten. Denn diese sind jedes Mal wie ein Sack voller Weihnachtsgeschenke, die man erst nach dem "auspacken" am Computer in ihrer ganzen Pracht wahrnehmen kann. Es ist ein bißchen wie beim Pilze suchen: Man weiß nie, mit was man daheim ankommt. Ein Hobby für Jäger und Sammler. Deswegen: Laßt uns auf die Jagd gehen - unsere Beute wartet schon da draußen!

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