Schöne Fotos → aber billig!

Fotografieren ist nicht günstig. Dummerweise bin ich jedoch ein Sparfuchs. Es widerstrebt mir, mein mit viel Schweiß, Tränen, und Blut (...okay, das war vielleicht ein wenig dick aufgetragen...) verdientes Geld für ein Objektiv auszugeben, für dessen monitären Gegenwert so manch anderer sich einen Kleinwagen leisten würde. Doch geht es auch anders?




OH, NEIN!

werden sich nun einige denken, die das Objektiv im Foto sehen. Ich denke, für richtige Fotografen, und Kamera-Fetischisten ist dieses Stück China-Plastik vermutlich der Inbegriff eines schlechten Objektives. Es handelt sich dabei um ein 85mm f/1.8 Festbrennweiten-Objektiv des Herstellers...nun ja...da wird es schon schwierig. Denn im world wide web wird diese Linse unter verschiedensten Namen angeboten.

Ich persönlich oute mich! Denn ich habe mir das Teil tatsächlich gekauft (...die Welt hält den Atem an...😏)

Bestellt habe ich mir das Teil auf der chinesischen Plattform aliexpress unter dem Herstellernamen Lightdow. Bekommen habe ich jedoch ein optisch exakt gleiches Objektiv, allerdings vom Hersteller Benoisen. Schon bei meiner Suche nach dem günstigsten Preis bin ich bei meiner Recherche auf noch weitere Herstellernamen wie Vivitar, Kelda, Opteka, Digitalmate, und weitere gestossen, die haargenau das selbe Objektiv mit den gleichen Eigenschaften vertreiben. Da ich davon ausgehe, daß es sich immer um das gleiche Objektiv handelt, habe ich das gute Stück nicht sofort zurückgeschickt, sondern tatsächlich getestet - und das mit überraschendem Ergebnis.

Das Rohr wird mit Schraubdeckeln hinten und vorne, einer Gegenlichtblende, einer Anleitung, einem Transportsäckchen aus Kunstleder, und in PU-Schaum gesichert in einem schniecken Karton angeliefert. Als ich das Ding ausgepackt habe, war ich von dem geringen Gewicht überrascht, was vermutlich daran liegt, da das Objektiv fast komplett aus Kunststoff gefertigt ist. Der Mount allerings ist aus Metall, und weißt keine elektrischen Anschlüsse auf. Kein Wunder, handelt es sich bei dem 85mm um ein rein manuelles Objektiv. Das bedeutet im Klartext: Kein Autofokus, einstellen der Blende durch den Verstellring, und keine Bildstabilisierung. Doch das wußte ich bereits.

Die Bedienung


Und damit meine ich jetzt nicht die Person, die einem das Essen an den Tisch liefert, sondern, wie es sich mit dem guten Stück an der Kamera (Canon EOS 77d) hantieren läßt.
Entgegen den Schreckensmeldungen aus Funk und Fernsehen hat der Mount auf meiner APSC einwandfrei funktioniert, und hält bombenfest an der Kamera. Der Blendenring ist rastbar von F1.8 bis 22 einstellbar. Die Unterteilung scheint jedoch entgegen den gängigen Normen ungewöhnlich zu sein, was mich jedoch nicht gestört hat. Der Fokusring läßt sich in meinen Augen geschmeidig drehen, nicht zu locker, und nicht zu fest. Auch ein verstellen mit nur einem Finger ist beim fokusieren möglich, was gerade bei Shots via Display-Auslösung praktisch sein kann.
Wegen der stark gekrümmten Optik sollte man immer mit der Streulichtblende arbeiten, die auf das Objektiv geschraubt wird. Auf dieser kann auch die Schutzkappe angebracht werden, oder ggf. Filterblenden im Durchmesser 72mm.

Die Kamera muß bei Nutzung des Objektives auf "Manuell" gestellt werden. Die Verschlußzeit wird an der Kamera justiert, die Blende am, und den Fokus manuell am Objektiv, und den ISO stellt man am Besten bei der Kamera auf Auto. Da die DSLR das Objektiv dank der fehlenden Anschlüsse nicht wahr nimmt, muß offenbar im Menü einiger Kameras ein Auslösen auch ohne Objektiv eingestellt werden. Bei meiner 77d hat es ohne eine Programmänderung gleich funktioniert. Ich konnte also sofort losgehen.
Der Drehweg des Fokus ist etwas kurz geraten, und gerade bei Objekten, die sich weiter entfernt befinden, ist der Grat zwischen scharf, und unscharf schmal wie eine Rasierklinge. Mit etwas Übung, und ggf, einem Prüfschuß habe ich das aber recht gut handlen können.
Ich habe sowohl den optischen Sucher, als auch das Display für meine Aufnahmen verwendet. Beides hat überraschend gut funktioniert.

Obwohl ich als Einsteiger wirklich nicht den professionellen Blick eines versierten Fotografen habe, möchte ich meine Eindrücke der Bildqualität hier noch unters Volk streuen. Ich war überrascht, daß die Aufnahmen bei der Straßenfotografie wider erwarten recht gut geworden sind. Die Brennweite von 85mm, die ja normalerweise für Porträtfotografie verwendet wird, eignet sich auch hervorragend für andere Einsatzzwecke - okay: raumfüllende Landschaftaufnahmen werden damit schwierig werden. Aber für die Straße ist die Brennweite gut geeignet, da man Raum zwischen sich, und sein Motiv bringt, und gut aus der Distanz unentdeckt um sich schießen kann.
Ich hatte überwiegend in monochrom an einem sehr bewölkten, späten Nachmittag im Herbst fotografiert. Trotz der Offenblende von f/1.8 ist dieses Objektiv allerdings nicht allzu lichtgierig, und der ISO-Wert bei Auto-Iso schnellte in schwindelerregende Höhen, was verrauschte Dunkelbereiche im Foto zur Folge hat. Aber auch solche Bilder strahlen eine gewisse Eleganz aus, falls das richtige Motiv vor der Linse steht. Ich würde diese Optik aber vor allem bei ausreichender Helligkeit verwenden. Da funktioniert es erstaunlich gut, und lieferte auch scharfe Bilder. Die Blende würde ich jedoch lieber eine, bis zwei Stufen abblenden, denn die Schärfe bei komplett offener Blende nimmt ganz offensichtlich ab. Das Bokeh ist bei f/2.5 oder F/3 immer noch sehr ansehnlich. Vor allem, wenn der Hintergrund weit genug entfernt ist.

Über Belichtungfehler, wie Vignettierung, oder ähnliches möchte ich mich hier nicht auslassen, da ich dafür einfach noch zu wenig Erfahrungen habe. Sehr negativ ausgefallen ist mir jedoch in dieser Hinsicht nüschts.
Ich habe mich für diese Festbrennweite auch nach anderen Objektiven namhafter Hersteller umgesehen. Leider werden selbst diese Kameralinsen in manchen Test harsch verrissen, kosten aber ein Vielfaches (...und damit meine ich wirklich "ein Vielfaches"...) von dem, was ich für dieses manuelle, und sehr einfache Objektiv bezahlt habe. Und das waren incl. Versand keine 50 Euro!
Zusammenfassend muß ich zugeben, daß ich nach meinem mehrstündigen Test den Kauf nicht bereue. Das manuelle Arbeiten mit dem Gespann macht mir bisher sehr viel Freude, und die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen (...also: finde ich zumindest).


Habt ihr auch so ein Objektiv? Sagt mir, was Ihr davon haltet, und schreibt es mir in die Kommentare.
Alle Fotos, aufgenommen mit dem Objektiv, findet Ihr HIER auf meinem Flickr-Profil.


Danke für die Aufmerksamkeit, und bis demnächst.

 



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